Letztes Jahr rüsteten wir unseren eigenen Katamaran mit Elektromotoren . Mangels Vergleichswerten mussten wir uns auf theoretische Berechnungen stützen. In den ersten Testwochen auf kleineren Gewässern erwies sich die Praxis als besser als die Theorie. Wir haben inzwischen viele Wochen gesegelt und dabei auch beträchtliche Strecken unter Motor zurückgelegt. Nun ist es Zeit für eine Zwischenbilanz anhand zweier realer Anwendungsfälle, um den praktischen Mehrwert des Elektrobootfahrens aufzuzeigen.
Elektrisches Segeln im Praxisfall 1: Überfahrt Woubrugge – Stellendam über Rotterdam
Wir sind am frühen Samstagmorgen losgefahren. Noch kein Plotter oder Ähnliches an Bord, und wir haben keine Ahnung, wie weit die Überfahrt zur Rotterdam Marina auf der Kop van Zuid ist. 16,5 Seemeilen, also 30 Kilometer Luftlinie. Die theoretische Reichweite liegt zwischen 60 und 90 Kilometern, und da es 45 Kilometer über Wasser sind, sollten wir mit 25 % Akkukapazität .
Drei Dinge liefen dabei schief.
- Bei den ersten Brücken versuchten wir, uns einem anderen Segelboot anzuschließen, doch dieses hatte es sehr eilig. Dadurch mussten wir viel schneller segeln als geplant, was unsere Reichweite verringerte.
- Nahe Gouda hatte der Lithium-Akku einer der Funkfernsteuerungen nach dem Winter im Schuppen seinen Dienst versagt und benötigte ein Kabel. Wir hatten eins und hatten es sogar schon komplett im Boot installiert und vom Motor zum Navigationstisch verlegt. Wie sich herausstellte, war es leider falsch herum angeschlossen. Während wir auf die Eisenbahnbrücke warteten, mussten wir das gesamte System abbauen, um das Kabel umzuleiten – allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Fazit: Vorher testen!
- Wir passierten die Schleuse bei Capelle aan den IJssel mit über 40 % Vortrieb, was super war! Dann mussten wir aber gegen Windstärke 5 und starke Strömung in die Wasserstraße einfahren. Was für Wellen, was für ein Gedränge! Und selbst bei Vollgas war das Boot völlig außer Kontrolle.
Mit nur noch 12 % Akkuladung erreichten wir Stunden später völlig erschöpft den Hafen. Wir haben auf dieser Überfahrt sowohl theoretisch als auch praktisch viel gelernt. Besonders die Bedeutung von Sparsamkeit zu Beginn und die Berücksichtigung von Wind und Strömung.
Zwei Tage später segelten wir von der Rotterdam Marina zum neuen Liegeplatz in Stellendam .

Auch hier herrschten Wellen, Strömungen und Gegenwind. Indem wir die Gezeiten im Auge behielten und unseren Antrieb sparsam einsetzten, legten wir gut 60 km durch den Hafen, den Spui und das Haringvliet zurück. Mit reichlich Reserven erreichten wir nach einem sehr langen Tag gemächlichen Segelns unseren neuen Liegeplatz.
Elektrobootfahren in der Praxis – Fallbeispiel 2: Tour durch Tiengemeten
Wir wollten eigentlich zur wunderschönen Insel Tiengemeten segeln. Leider wehte kaum Wind, und der wenige, der da war, kam uns direkt entgegen. So fuhren wir schließlich sieben Stunden mit Motor und ankerten schließlich in Tiengemeten.
Am nächsten Tag hatten wir einen Termin, also standen wir früh auf und fuhren zurück. Der Wind war derselbe, aber wir drehten um 180 Grad, was weitere sieben Stunden Motorlaufzeit bedeutete. Wir segelten über 60 km und waren das langsamste Boot auf dem Haringvliet, aber wir haben es geschafft. Die Reichweite entspricht also der Theorie, vorausgesetzt!
Schlussfolgerungen
- Die Motoren erreichen ihre berechnete Reichweite, die deutlich größer ist als die üblicherweise mit einem motorisierten Segelboot erzielte. Um diese Reichweite zu erzielen, ist jedoch ein sehr umsichtiger Umgang mit der Motorleistung erforderlich.
- Wind, Strömung und Zeit sind sehr wichtige Faktoren und müssen stärker berücksichtigt werden als bei einem Verbrennungsmotor.
- Das Fahren mit einem Elektroboot ist nach wie vor ein fantastisches, fast meditatives Erlebnis. Die Ruhe und Stille, insbesondere auf langen Strecken, wirken unglaublich wohltuend, vorausgesetzt, die Reichweitenangst ist unbegründet und es besteht kein Zeitdruck.









